Die Sonne und das Navi

Eines Nachts sah ich im Garten
hell und rot die Sonne steh’n,
schien auf irgendwas zu warten,
schien zum Himmel hoch zu sehn.

Und als ich sie leise fragte:
„Sonne, warum stehst du hier?“
Hört ich, wie sie grübelnd sagte:
„Weil ich eines nicht kapier.

Früher wies ich jedem Wandrer
tags den Weg durch diese Welt.
Heut tut dies für mich ein andrer –
find ihn nicht am Himmelszelt.

Fragte schon den Mond, die Sterne,
die euch leuchten Nacht für Nacht:
‚Will ein Mensch nachts in die Ferne,
hat er dann auf euch noch Acht?’

Und der Mond, der erdnah, weise
nachts auf alles Leben blickt,
sagte hilflos lächelnd leise:
‚Sonne, das ist recht verzwickt.

Menschen schossen große Kisten
aus Metall ins Himmelszelt
worin neue Wesen nisten –
die vermessen nun die Welt.

Manchmal seh’ ich helles Blinken,
das rasch um die Erde kreist.
Scheint den Menschen zuzuwinken,
leitet jeden, der dort reist.’“

Und die Sonne sah mich fragend
aus glutrotem Auge an,
bis nach Langem Worte wagend
ich ihr zu erklär’n begann:

„Früher lebten alle Leute
mit viel Zeit im Hier und Jetzt.
Wie viel anders ist es heute,
wo ein jeder eilt und hetzt.

Täglich gilt es Zeit zu schinden,
Wege sind nicht Ziele mehr.
Sie zu suchen vor dem Finden,
kostet Zeit, stört den Verkehr.

Lief man früher viele Stunden
von Stadt eins hin zu Stadt zwei,
fährt das Auto in Sekunden
heut an manchem Dorf vorbei.

Schnell gilt’s heute zu entscheiden,
muss ich rechts, links, gradeaus?
Welcher von den Wegen beiden
führt ins Fremde, führt nach Haus?

Sonne, dies mit dir zu leisten
– sei nicht traurig und sieh ein –
das misslänge heut den meisten,
würde nicht mehr sinnvoll sein.

Schon seit Jahr’n zieht um die Erde
Satellit um Satellit,
dass die Welt vermessen werde,
dass man sie von oben sieht.

Nun gibt’s einen Automaten,
den der Volksmund Navi nennt,
der durch Satellitendaten
Standort, Ziel und Weg erkennt.

Dieser weist uns nun die Wege.“,
sprach ich. Sonne seufzte schwer:
„Wenn ich’s richtig überlege
braucht mich nun kein Wandrer mehr.“

„Sonne, hast noch viel zu bieten,
alle brauchen Energie,
Menschen, Navis, Satelliten
schienst du nicht, vergingen sie.“

Da stieg Sonne fröhlich strahlend
wieder auf zum Firmament
auf die Erde Farben malend,
Wärme spendend, wie man’s kennt.

Und ich blieb allein im Garten,
dankte Gott und bat ihn still,
uns auf Wegen aller Arten
stets zu führen, wie Er will.