Die Ruferin in der Wüste
Die Ruferin in der Wüste
Laut rief sie, laut, ob jemand dort sei, jemand der hört und versteht. Jemand, der mutig mit ihr geht durchs dürre Land, durch die Wüste. Jemand zum Teilen von Wasser und Not, zum Wärmen in sternkalten Nächten.
Laut rief sie, laut, doch Mal für Mal verhallte ihr Rufen – unerhört.
Einmal kam einer, der sagte, komm mit, lass uns geh’n, ich führ‘ dich zurück, zurück in die Stadt. Wie wohl tat ihr seine Gesellschaft, wie leicht war das Gehen zu zweit, wie gern wär‘ sie bei ihm geblieben, wär‘ ihm gefolgt, doch war’s nicht ihr Weg. Zu anders waren die Träume. Er träumte von Ordnung und Sicherheit, von Wohlstand, Anseh‘n, Bequemlichkeit.
Ihr Traum war das nicht. So kehrte sie um, einsam, allein in die Wüste.
Und wieder kam einer, der sagte, komm mit, lass uns geh’n, ich zeig dir den Weg, den Weg zur Oase. Dort können wir bleiben, dort geht es uns gut. Er nahm ihre Hand. Sie folgte ihm nach. Gut tat ihr seine Gesellschaft und gut tat das Wasser der Quelle. Doch dann fing er an, eine Hütte zu bauen. Malen wollte er dort, rotbraune Bilder aus Erde und Sand. Die Oase war Ziel seiner Träume. Dort fand er Freiheit und Kunst, Einsamkeit, Muße und Stille. Wenn einer käme, so wollte er ihm gerne die Füße waschen, Wasser ihm reichen und frisches Obst.
Ihr Traum war das nicht und so ging sie fort, einsam hinein in die Wüste und rief.
Laut rief sie, laut, doch Mal für Mal verhallte ihr Rufen – vergeblich.
Noch einmal kam einer, der hat es gehört. Sah sie an aus tot-leeren Augen. Saß müde vor ihr im Sand und sagte mit tonloser Stimme, es gibt keinen Weg, es gibt keinen Sinn, kein Ziel liegt hier in der Wüste. So setz dich denn hin, erwarte den Tod – denn er allein bringt Erlösung.
Ihr grauste, sie floh ihn und eilte allein noch tiefer hinein in die Wüste und traute sich kaum, noch einmal lauthals zu rufen.
Doch schließlich kam einer, der brach ihr das Brot, der reichte ihr Wasser – erfrischend, der sprach ich bin da. Noch ehe du riefst, war ich stets dein Begleiter.
Er fragte sie lächelnd, was ist dein Ziel? Wohin führt dein Weg durch die Wüste?
Zu dir allein wollt ich. Sie sprach es ganz leis. Wie geht es nun für mich weiter?
Ernst sprach er, mein Kind, da du nun weißt, dass ich immer und immer bei dir bin, bist du frei, deine Wege zu wählen. Wohin du auch gehst, sei nur ganz du selbst und höre auf meine Stimme. Tief in dir werd‘ ich dich weisen. Lerne zu hören und werde ganz Ohr.
Lang stand sie da und schaute ihn an, die Ruferin in ihrer Wüste. Die Wüste war grün, sie war nicht mehr wüst. Der Rabbuni, der Freund war gefunden. Wohin soll ich gehen? Ich weiß es nicht. Geh voran, dann kann ich dir folgen. Vorangegangen bin ich schon längst. Längst kennst du all meine Wege. Entscheid dich für einen und folge mir nach, dann bin ich es, der dir stets nachfolgt.
So will ich zunächst zu jenen gehen, die ich einst in der Wüste antraf. Vielleicht find ich den mit dem tot-leeren Blick. Ihm will ich dich bringen, dass er Mut fasst.
Danach geh ich dann zur Oase. Die Füße soll er mir waschen und Wasser mir reichen und Obst, jener der dort sitzt und wartet, einem all dies zu tun.
Zuletzt kehr ich heim in die Stadt, aus der ich vor langer Zeit aufbrach. Dort will ich seh’n, wie’s jenem ergeht, der von der Sicherheit träumte. Hat er gefunden, wonach er gesucht? Ist er glücklich in Ansehen und Wohlstand? Traf er dich dort oder sucht er dich noch? Oder gab er längst auf und wartet nun auch auf den Tod mit tot-leeren Augen?
Ich gehe und suche und treffe den mit dem tot-leeren Blick. Immer noch sitzt er am selben Ort, ist nicht verdurstet – wie dies? Kann’s sein, dass er wartet? Kann’s sein, dass er harrt? Kann’s sein, dass Du mit ihm wartest? Wer wartet, der hofft. Wer hofft aber lebt und wer lebt, ist niemals verloren. Ich geh zu ihm hin und spreche ihn an. Ja er erinnert sich meiner. Dass ich vor ihm floh, war ihm bitter und hart und zugleich war’s ihm Lichtblick und Hoffnung, dass da eine ist, die nicht – so wie er – glaubt, es sei ganz vergeblich, dass da eine ist, die – anders als er – glaubt, es gebe noch Zukunft. „Ich hab ihn gefunden, den Retter, den Herrn, den Meister der alles gut macht.“ So rief ich ihm zu voller Freude, kaum Herr meiner Worte und Stimme. Er sah mich an, zweifelnd, voll Misstraun zunächst, jedoch auch voll banger Hoffnung. Dann plötzlich brach er in Schluchzen aus. Er weinte, weinte und weinte. Aller Schmerz, so schien es, floss aus ihm heraus, alle Angst, alle Not alles Grauen. So weinte er lange. Ich saß nur dabei, etwas hilflos, mir fehlten die Worte. Doch schließlich waren die Tränen versiegt, er wischte sie aus den Augen. Dann sah er mich an, gerade und klar – nichts tot-leeres hatte sein Blick mehr. Du hast ihn gefunden? Dann ist’s also wahr? Wir müssen nur trauen und suchen? Du hast ihn gefunden! Ich glaub’s dir, ich glaub’s! Es gibt ihn, den Herrn, den Rabbuni! Er lachte, sprang auf und hoch in die Luft, drehte sich tanzend im Kreise, fiel mir um den Hals und küsste mich und gab sich ganz wie von Sinnen. Dann wurde er still und setzte sich hin, schweigend, hörend, sich öffnend. So saß er wohl etliche Stunden lang, nahm dich auf, ließ dich ein in sein Inn’res, ließ dich zu, ließ sich ein, wurde staunend gewahr, seit jeher schon lebtest du in ihm.
Am nächsten Morgen erhob er sich. Rings um ihn her blühte die Wüste. Doch er ging hinaus in die Dürre hinein, um allen dort Dich zu verkünden. Ich wünschte ihm Segen und dankte Dir für das Wunder, das an ihm geschehen ist.
Dann brach ich auf und besuchte den, der in der Oase wartet. Ich fand ihn und freute mich sehr, ihn zu seh’n. Er wusch mir freudig die Füße. Dann gab er mir Früchte und Wasser und Wein und zeigte mir seine Bilder. Sie sprachen von Hoffnung, von Freude und Mut, von Leben inmitten der Wüste. Und immer wieder erkannte ich dich in den Blicken der von ihm Gemalten. So war dies sein Platz, für ihn war es gut, in der Oase zu warten. Denn immer wieder diente er dir, in denen, die er bei sich aufnahm.
Wir sprachen lange und tauschten uns aus und freuten uns Deiner gemeinsam.
Wir wünschten uns Segen dann ging ich zurück in die Stadt, aus der ich einst aufbrach.
Nicht lange so fand ich auch jenen dort, der mir aus der Wüste bekannt war. Er lebte in Wohlstand und Sicherheit. Bequem war sein Haus und gemütlich. Verheiratet war er und hatte ein Kind, hatte Arbeit und gutes Ansehen.
Er erkannte mich gleich und fragte mich, warst du noch lang in der Wüste? Und hast du gefunden, wonach du gesucht? Wie schwer fiel’s mir damals, als du mich verließt, dir deine Wege zu lassen und unbeirrt trotz alledem meinen bequemeren zu gehen. Ich fühlte mich feige und schämte mich, dass ich nicht mit dir hinauszog. Doch dann kam die Nacht und da träumte ich, dass eine Stimme mich riefe, geh du zurück, geh in die Stadt, du spürst doch, dass dies dein Weg ist. Es gibt viele Wege und alle sind gut, wenn du sie ganz gehst, von Herzen. Und plötzlich sah ich im Wüstensand eine Spur von leuchtenden Schritten. Sie führten mich gradewegs zu Marie, in die ich als Kind schon verliebt war.
Nun ist Marie meine Frau. Mein Platz ist an ihrer Seite. Wir sorgen fürs Kind und haben ein Haus – offen für viele Besucher. Wir tun unsre Arbeit, Tag für Tag neu. So leisten wir nichts Besonderes. Und doch sind wir es, die durch unser Sein, die Wege der anderen mittragen, all jener, die wagen, die Sicherheit gegen die Suche zu tauschen und aufbrechen in ihrer Wüste.
Noch Vieles sprach er und ich verstand, auch er hat dich längst gefunden und dient und folgt dir so, wie es für ihn bestimmt ist.
So fand ich sie alle, die ich einst traf auf meinem Weg durch die Wüste. Und der Weg eines jeden war sinnvoll und gut, denn du gingst an ihrer Seite. Das war mir tröstlich und machte mich froh. Überall Hoffnung und Leben! So viele Wege führen zu dir und haben in dir ihren Ursprung.
Nun da ich dies weiß, ist es an mir, meinen Weg mit dir zu gehen.
Wo führt er entlang? Was willst du von mir? Was ist mein Auftrag auf Erden? Wo ist mein Platz und was kann ich tun, deine Liebe zu uns zu bezeugen?
Noch weiß ich es nicht, doch spüre ich wohl, dass du geduldig bei mir bist und leise flüsterst und hoffst, dass ich’s hör und bereit bin und frei, dir mit ganzem Herzen zu folgen. Was ist mein Weg?
Entscheid dich für einen, sprachst du zu mir, ich werde dich auf ihm begleiten.
